Freitag, 17. Oktober 2008

Schaut den Tantra-Lehrern auf die Finger!

Eine Bekannte erzählte mir kürzlich, sie hätte einen Tantra-Lehrer kennen gelernt, der ihr jetzt gratis die Geheimnisse des Tantra beibringe. Sie liess durchblicken, dass das auch sexuelle Handlungen beinhalte.

Für Nicht-Eingeweihte: Tantra ist eine esoterische Form des Hinduismus und des Buddhismus. Bei uns im Westen wird Tantra fast ausschliesslich mit dem Maithuna-Tantra in Verbindung gebracht, das den ritualisierten Geschlechtsakt im Fokus hat. Seriöse Tantra-Kurse besucht man daher in der Regel zusammen mit dem Liebespartner.

Wenn nun ein Lehrer sexuelle Handlungen mit einer Schülerin begeht, kommt das meiner Meinung nach dem Missbrauch eines Vaters gegenüber seiner Tochter gleich, und es wird bei der Schülerin früher oder später zu ähnlichen Gefühlsverwirrungen kommen wie bei einem kindlichen Missbrauch.

Man mag über den Sinn und Unsinn von Tantra im Allgemeinen und von Maithuna-Tantra im Besonderen diskutieren. Meiner Meinung nach indiskutabel ist jedoch, wenn ein Tantra-Lehrer seine Position ausnutzt, um billig zu sexuellen Erlebnissen zu kommen. Er hat bestenfalls die Menschen dazu anzuleiten, wie sie in einer gleichberechtigten Partnerschaft die Praktiken anwenden können.

Hat jemand von Euch Erfahrungen mit Tantra? Wenn ja, interessiert mich Euer Kommentar.


6 Kommentare:

Klaus hat gesagt…

Hallo Hans-Peter,

ich habe den Ausbildunsgblock
www.vision-der-freude.de durchlaufen, dort gibt es auch ein Wochenseminar Tantra. Jedoch mit dem Hintergrund das Mann- bzw. Frau- sein zu spüren bzw. überhaupt zu entdecken. Über einige Tage dürfen Männer und Frauen gar keinen Kontakt mit einander haben. Bei der sehr feierlichen Zusammenführung der beiden Seminargruppen lernt man das andere Geschlecht zu spüren, das Anderssein zu schätzen und zu achten. Ganz ohne translabiale Kommunikation und weitere Vertiefungen.
Mein Fazit:
Bei seriösen Seminaren, ist tantrische sich öffnende Körperarbeit nicht zwangsläufig mit eindringlichen Erlebnissen verbunden.

Viele Grüße
Klaus

Martin Hoffmann hat gesagt…

Wie Du schon schreibst - Tantra gibts in vielen Varianten, und noch mehr, seit es seine Ursprungskultur verlassen hat. Da gibts weiße und rote, geizige und nicht so geizige, und noch allerlei andere Tantriker. Auch Geld und Sex abzockende Mini-Gurus.

Es gibt sogar solche, die das Tantra in die in unserer Kultur immer noch üblichen Korsette von bigotter Moral oder mehr oder minder gottgewollter Zweierkisten (inkl. der halbierten Seelen...) zwängen wollen. Und auch solche, die ein katholizismuskompatibles Tantra ganz ohne diese böse Urschöpfungskraft und mit ihr in der 3D-Welt verbundene schmutzige Körperteile anstreben. Sehr lustig.

Wer einen tantrischen Weg geht, tut das, mit wem er mag. Persönlich halte ich hauptberufliche oder bezahlte Tantra-"Lehrer" für überflüssig, ebenso wie "seriöse Kurse" - passende liebevolle Tantriker(innen) finden sich schon, um einen Wegabschnitt gemeinsam zu gehen. Und die sucht man sich selbst aus, je nach Sympathie und Entwicklungsstand.

Den von Dir geschilderten Fall kann ich natürlich nicht beurteilen, weil Personen unbekannt - aber allgemein gesprochen: wer halbbewußt und instabil auf Erlösungssuche irgendwelche Gurus (ob nun Tantra oder Tschakka) anhimmelt, ist in jedem Fall gefickt, so oder so. Ob nu Mindfuck oder "sexuelle Handlungen". Kann trotzdem beim Lernen und Ent-Wickeln helfen, beides. Natürlich kann man da manchem Ausbeuter, der sein Halbwissen und seinen erhöhten Pheromonausstoß einsetzt, um ganz vielen Mädels auf der Herzebene zu begegnen, ruhig mal auf den Lingam hauen...

Wenn sich dagegen da zwei Wesen in Liebe (die von Tantrikern meist eher im Sinne freier Liebe gesehen wird, tief, aber nicht mit exklusiven Verwertungsrechten versehen) begegnen und es sich mehr oder minder ritualisiert zum Lobe ihrer selbst und der universellen Liebe gutgehen lassen - gibts da für mich nix zu meckern und ich fände dann auch die suggestive Wortwahl aus dem Verbrechensumfeld überflüssig.

Gruß von einem nicht-dogmatischen Tantra-Sympathisanten... ;-)
Martin

P.S.: nette internationale Tantriker-Plattform auf neotantra.net - kann man sich selbst ein Bild machen von der Vielfalt und auf Augenhöhe Kontakte spinnen.

Angelika Wolf hat gesagt…

Hallo lieber Hans-Peter, kaum was gehört seit unserem gemeinsamen Podcast :-). Uns gehts super, gerne produzieren wir Pods und Videopods, danke für deine tolle Inspiration immer wieder. Zum Blog: Willi schenkte mir eine Tantra-Massage, da ich immer mal wieder Schmerzen nach dem Notkaiserschnitt hatte. War so super, dass wir gemeinsam ein Seminar besuchten. Ich finde es ist eine tolle Bereicherung für die Beziehung. Gerade nach viel Arbeit, genussvoller Verwöhnungsex, schenkt ein offenes Herz, Liebe, Nähe und Vertrautheit. Sicher wird Tantra nicht lebensbestimmend bei uns, dazu liebe ich wilden und spaßigen Sex auch viel zu sehr... Abwechslung ist doch das schönste :-)) Hatte dazu Links und Beschreibung in einem Energie-Tipp: www.hof-hutmacher.de/etipp_04_08.htm
Angelika und herzlichste Grüße von Willi

Bernd hat gesagt…

Hallo Hans-Peter,
wie hat dir deine Bekannte das gesagt? War sie heiter bis euphorisch, so in der Stimmung, "Wow, Hans-Peter, ich muss dir was erzählen, irre..." oder mehr so hinter der Hand unsicher und verstohlen "Du, da ist mir was passiert...)? Das sind zwei verschiedene Qualitäten. Bei uns im Westen kenne ich Tantra Körpertherapeutisch (Rebirthing, Auseinandersetzung mit dem inneren Kind, Encounter, Schattenwelten) oder sinnlich (Tanz, Berührung, Massagen, Maithuna). Wenn deine Bekannte nun kostenlosen privaten Unterricht bekommt, hat sie vielleicht etwas, dass sogar der 'sogenannte' Lehrer noch was lernen kann. Kannst du sicher besser beantworten als ich ;-).
Gruß, Bernd

Alexander Gottwald hat gesagt…

Lieber Hans-Peter :)

es ist aus meiner Sicht ein Missverständnis zu glauben, dass Tantra dafür da wäre, frustrierten (Ehe-)Paaren zu neuem Schwung im Schlafzimmer zu verhelfen und daher ausschließlich in Paarkursen unterrichtet werden sollte *lächel* ... Tantra ist ein uralter Weg der direkten Selbsterkenntnis, der traditionell von einer initiierten an eine (noch) nicht initiierte Person weiter gegeben wird. Sehr gute Literatur zu diesem Thema ist meiner Meinung nach Tantra - Eintauchen in die absolute Liebe von Daniel Odier, wo genau beschrieben wird, wie eine linkshändige tantrische Initiation inkl. Maithuna funktioniert.

Warum Du darüber so empört bist, dass Deine Bekannte kostenfreie tantrische Schulung genießt, wird sich Dir bei dem großen Wissen, das Du über Persönlichkeitsentwicklung zu haben scheinst sicher noch erschließen. Da bin ich sehr zuversichtlich *lächel*

Alles (IST) Liebe,

Alexander Gottwald

Hans-Peter Zimmermann hat gesagt…

@alexander:

Du kennst nur die halbe Wahrheit. Hier sind ein paar Zusatz-Infos.

Die Frau war bei mir zu einem Anamnese-Gespräch. Ich vermutete eine dissoziative Störung, organisierte eine psychiatrische Abklärung und empfahl ihr, vorübergehend auf das Auto zu verzichten, da es bei dieser Störung zu Krampfanfällen (ähnlich Epilepsie) kommen kann.

14 Tage später verstarb sie bei einem Selbstunfall, vermutlich eben wegen eines dissoziativen Krampfanfalls. Und ich vermute, dass die ganzen Pseudo-Tantra-Geschichten die Dissoziation noch vorangetrieben haben. Verstehst Du jetzt meine Empörung? Diese Leute sollten meiner Meinung nach eine Psycho-Pathologie-Ausbildung haben, damit sie erkennen, wenn jemand ernsthaft krank ist.