Montag, 23. Januar 2006

Auf meinem Nachttisch: Einführung in die dissoziative Identitätsstörung







Wer sollte dieses Buch meiner Meinung nach lesen?

  1. Ärzte. Und zwar auch "ganz normale" Hausärzte. Der Grund: Viele Störungen, für die es in der somatischen Medizin keinen Befund gibt, werden vom Hausarzt in die "psychische" Ecke gestellt und mit Benzodiazepinen, also stark abhängig machenden Anxiolytika, behandelt. Damit bekämpft man lediglich Symptome und wird den Patientinnen überhaupt nicht gerecht.

  2. Psychotherapeuten. Und zwar besonders die älteren mit Weiterbildungsmanko, die noch immer den Begriff "Hysterie" verwenden, ohne zu erröten. Dieses Buch zeigt, dass man bei "hysterischen" Symptomen schon genau hinschauen muss, ob es sich um die histrionische, die narzisstische oder die Borderline-Persönlichkeitsstörung, oder eben um eine dissoziative Störung bis hin zu ihrem Extremfall, der dissoziativen Identitätsstörung (oder wie es im ICD heisst, der "multiplen Persönlichkeitsstörung") handelt. Das Buch behandelt auch den vermuteten Zusammenhang mit der Posttraumatischen Belastungsstörung.

  3. Menschen (in der Mehrheit sind es Frauen), die oft das Gefühl haben, ausserhalb ihres Körpers zu sein. Oft sind auch Ess-Störungen oder Drogensucht mitbeteiligt. Für diese Patientinnen ist es besonders wichtig zu wissen, dass, falls eine starke dissoziative Störung vorliegt, Hypnose absolut kontraindiziert ist. Warum? In der Hypnose wird oft auf Kommando dissoziiert und assoziiert. Assoziieren heisst: Ich fühle mich ganz in meinem Körper drin und erlebe die Welt "von mir aus". Dissoziiert bedeutet: Ich sehe mich selbst und die Welt von aussen. Dissoziation ist eine ganz wichtige Bewältigungs-Strategie bei schweren Traumata, besonders bei sexualisierter Gewalt. Nur wer dissoziieren kann, kann so etwas überleben. Das Problem ist, dass der Dissoziations-Assoziations-Mechanismus so gestört sein kann, dass die Patientin ihn nicht mehr bewusst steuern kann. Doch ist es gerade in der Hypnotherapie besonders wichtig, dass dieser Mechanismus funktioniert.
Was tun, wenn bei einem selbst oder einer Bekannten der Verdacht auf dissoziative Störung besteht? Meiner Meinung nach ganz wichtig: Einen "Quick Fix", also eine Art Schnell-Reparatur gibt es nicht. In meinen Augen der beste Weg ist eine therapeutische Wohngemeinschaft, auch betreutes Wohnen genannt, in der auch eine Art Nach-Erziehung stattfinden kann. Letztere ist dringend nötig, weil die betroffenen Patientinnen gewisse Entwicklungsschritte nicht vollziehen konnten, da sie durch die traumatischen Gegebenheiten massiv gestört wurden.

Mehr über die dissoziative Identitätsstörung gibt es unter:
http://www.dissoziative-identitaetsstoerung.de

Damit jetzt nicht jede Bulimikerin die Hoffnung verliert: Nach unserer Erfahrung gibt es bei isolierter Bulimie (wenn also weder dissoziative noch persönlichkeitsgestörte Anteile vorliegen) gute Heilungschancen mittels aufdeckender Hypnose. Mein Chef-Therapeut Norbert Glaab hat unter ärztlicher Supervision mit insgesamt fünf Bulimikerinnen gearbeitet; diese sind jetzt schon zwei Jahre und länger symptomfrei.